April 21, 2008

Milchmärchen

Auf der nach oben offenen Zypries-Beckstein-Koch Skala für übelkeitserregende Widerlichkeit (Formulierung frei nach fefe) bricht Angela Merkel den Zeiger ab:

In Indien etwa nähmen inzwischen rund 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag ein, sagte Merkel. "Wenn die plötzlich doppelt soviel Nahrungsmittel verbrauchen als sie das früher gemacht haben und dann auch noch 100 Millionen Chinesen beginnen Milch zu trinken, dann verzerren sich natürlich unsere gesamten Milchquoten und vieles andere", sagte die CDU-Chefin mit Blick auf den europäischen Agrarmarkt.

Mit anderen Worten: An steigenden Lebensmittelpreisen sind Dritte Welt Länder schuld. Das ist wohl die perverseste Verzerrung von Globalisierungsfakten denen ich seit langem begegnet bin.

Beispiel Milch: Seit 1970 bis 1997 wurde in Indien mit der Operation Flood massive Aufbauhilfe zur Erhöhung der Milchproduktion betrieben. Später hat die Welthandelsorganisation (WTO) Indien gezwungen, Einführzölle auf Milch und Milcherzeugnisse abzubauen. Die EU ist mit ihren hochsubventionierten Superkühen Exportweltmeister bei Milchprodukten. Trotz Milchquote wird ein beträchtlicher Teil der Milch weiterverarbeitet (zB. in Milchpulver), und exportiert. Durch milliardenschwere Exportsubventionen zieht die EU die Milchpreise weltweit runter. Dieser Effekt ist so stark, dass Erzeuger in Dritte Welt Ländern mit lokal produzierter Milch teurer sind als importiertes EU Milchpulver. Selbstverständlich bleiben solchen Ländern damit auch keine Möglichkeiten international am Markt zu bestehen und selbst konkurrenzfähig zu exportieren.

Im Netz gibt es reichlich Dokumente zu diesem Thema. Fazit: Wir machen mit unseren Steuergeldern international den Markt kaputt, und trotzdem geht es unseren Bauern schlecht. Germanwatch kommt 2005 zu dem Schluss:

Für die Milchbauern in der EU wäre es viel besser, die in der EU produzierte Milchmenge zu reduzieren, dafür aber einen fairen Preis für die Milch zu erhalten. So könnte auch eine sozial- und umweltgerechte Milcherzeugung wirtschaftlich tragbar sein.

Wer sich insgesamt mal mit Subventionen beschäftigen möchte, dem empfehle ich den 2. Teil der Dokumentation "Das Märchen vom gerechten Staat: Wie er uns mit Subventionen schmiert" (Achtung: Verschärfte Gefahr für schlechte Laune!). Leider habe ich nur eine youtube-Version in mehreren Teilen gefunden: [1] [2] [3] [4] [5] [6].

Getreide, Mais, Soja: Dieser Markt ist weltweit monopolistisch in der Hand weniger Unternehmen, die sich dumm und dämlich verdienen, Erzeuger quälen und knechten. Nähreres dazu in einem älteren Post.

Von: lolli

March 12, 2008

arte Reportage zu Monsanto

Eine sehenswerte Reportage über den Konzern Monsanto lief gestern auf arte. Die Reportage zeigt, wie der weltweit agierende Konzern gentechnisch verändertes Saatgut und dazu passende Pestizide verkauft. Zitat aus der Doku:

Monsanto ist ein internationales Unternehmen, das in der ganzen Welt vertreten ist. Sein Ziel ist es, die gesamte Nahrungsmittelproduktion in der Welt zu kontrollieren.

Es wird deutlich, mit welchen Mitteln Monsanto vorgeht und welche Konsequenzen das hat.

Das fängt an bei indischen Baumwollbauern, die nur noch gentechnisch verändertes und viermal so teures Saatgut kaufen können. Es gibt kein anderes Angebot mehr, da Monsanto nach jahrelangem Aufkauf von Saatgutherstellern praktisch Monopolist ist. Vertraglich sind die Bauern zum Stillhalten verpflichtet und dürfen die eigene Ernte nicht erneut als Saatgut verwenden. Bei einer schlechten Ernte müssen sich die Bauern so sehr verschulden, dass sie oft nur noch den Selbstmord als Ausweg sehen.

Da sind die Opfer von Agent Orange (ein im Vietnamkrieg taktisch eingesetztes Entlaubungsgift), die bis heute nicht entschädigt wurden. Der Konzern bestreitet, dass sein Produkt Schaden anrichtet, obwohl die Wirkungen bis heute in Vietnam sichtbar sind.

Da sind Maisbauern in Mexiko, die durch eine Verunreinigung ihres Maises durch gentechnisch veränderten Mais bedroht sind. Diese Situation ist in Deutschland übrigens auch akut, da Anbauflächen von Biobauern durch die natürliche Übertragung von Saatgut aus Fremdfeldern bedroht sind.

Die Patentrechte auf die genetischen Errungenschaften setzt das Unternehmen rigoros durch und baut dadurch den Marktanteil weiter aus. Mit Patenten auf Genen (!).

Das waren nur einige Beispiele. Die Reportage ist bei arte +7 noch bis zum 18. März online abrufbar. Eine sehr gruselige Sicht auf die Situation im perfekt globalisierten Lebensmittelweltmarkt.

Von: corvus